Klinik und Poliklinik für Neurologie

Tumortherapie

Neben der für die jeweilige Hirntumorentität indizierten Standardtherapie werden für viele Tumoren Therapiestudien mit neuen Substanzen und Wirkprinzipien angeboten. Bei Fehlen einer Standardtherapie kann ein individuelles Therapiekonzept im Rahmen eines individuellen Heilversuchs gefunden werden. Für die Entscheidung, welche Chemotherapie die richtige ist, werden molekulare Befunde (MGMT-Promotor-Methylierungsstatus bei Glioblastom; 1p/19q-Codeletion bei Grad III-Gliomen) miteinbezogen, um ein optimales, möglichst personalisiertes Therapiekonzept zu entwickeln. In fortgeschrittenen Rezidivsituationen können insbesondere bei seltenen Tumoren gegebenenfalls auch weitere genetische Marker bestimmt werden, die helfen, eine experimentelle Therapie zu finden. Alle Therapieentscheidungen werden im interdisziplinären Tumorboard (incl. Neurochirurgie und Radiotherapie) unseres DKG-zertifzierten Neuroonkologischen Zentrums getroffen.

Folgende Routine-Therapieprotokolle und Studienprotokolle werden derzeit im Schwerpunkt Klinische Neuroonkologie durchgeführt:

Glioblastom-Primärtherapie

Patienten mit neu diagnostiziertem Glioblastom werden außerhalb von Studien üblicherweise während und nach der Strahlentherapie der erweiterten Tumorregion mit Temozolomid behandelt. Bei jedem Patienten mit neudiagnostizierten Glioblastom sollte zeitnah nach Operation geprüft werden, ob eines der Studienkonzepte in Frage kommt.  Falls dies nicht der Fall ist, können wir individuelle Therapiekonzepte diskutieren wie etwa eine kombinierte CCNU/Temozolomid-Chemotherapie bei Patienten mit methyliertem MGMT-Promotor und/oder eine zusätzliche Behandlung mit Tumor-Therapie-Feldern.

Ab April 2016 stehen Studien zur Verfügung, die die Wirksamkeit einer Immuntherapie mit dem PD-1-Antikörper Nivolumab untersuchen. Nivolumab hat bei einigen Tumorarten außerhalb des Gehirns (Melanom, Lungenkarzinom) erstaunliche Wirksamkeit gezeigt. In den beiden Studien, eine für Patienten mit einem MGMT- methylierten Tumor, eine zweite für Patienten mit einem MGMT-nichtmethylierten Tumor, wird nun untersucht, ob es eine derartige Wirksamkeit auch in der Glioblastom-Patienten gibt. Zukünftig wird es auch noch weitere Immuntherapiestudien geben.

Glioblastom-Rezidivtherapie

Im Glioblastomrezidiv muss diskutiert werden, ob eine erneute Operation und/oder Strahlentherapie sinnvoll ist. Als medikamentöse Standardtherapie geben wir das Medikament CCNU (Lomustin). Bei Patienten mit einem methylierten MGMT-Promotor kann im ersten Rezidiv auch noch einmal Temozolomid gegeben werden. Wenn CCNU und Temozolomid nicht mehr wirksam sind, werden wir den Einsatz von Bevacizumab (Avastin) diskutieren. Ob in späteren Rezidivsituationen auch eine experimentelle Immuntherapie mit Nivolumab oder Pembrolizumab eine Option darstellt, wird sich in den nächsten Monaten herausstellen.  

Im Rezidiv bieten wir derzeit die CINC280X2204-Studie an. Hier werden 2 neue Substanzen gegeben, von denen man sich eine Wirksamkeit nur erhoffen darf, wenn eine bestimmte genetische Konstellation im Tumor vorliegt (PTEN-Mutation oder –Verlust, C-met-Veränderung). Deshalb können auch nur Patienten teilnehmen, bei denen eine dieser Veränderungen vorliegt. Bei Patienten mit Interesse an dieser Studie lassen wir entsprechende Tests am Tumorgewebe durchführen.

Grad III- und Grad II-Gliome

Sowohl bei Grad III- als auch bei Grad II-Gliomen hat sich gezeigt, daß eine kombinierte Therapie aus Radiotherapie und Chemotherapie einer alleinigen Radiotherapie (und wahrscheinlich auch einer alleinigen Chemotherapie) überlegen ist. Welche Chemotherapie zum Einsatz kommen sollte orientiert sich u.a. an der genetischen Konstellation im Tumor: bei einem 1p/19q-codeletierten Oligodendrogliom Grad II oder Grad III sollte nach einer Radiotherapie unmittelbar eine PC(V)-Chemotherapie angeschlossen werden. Ähnliches gilt auch für ein nicht-codeletiertes Astrozytom Grad II. Bei einem 1p/19q-nicht codeletierten Astrozytom Grad III sollte eine Radiochemotherapie mit Temozolomid analog der Glioblastomtherapie durchgeführt werden. Bei Grad II-Tumoren ist offen, wann genau eine solche Kombinationstherapie begonnen werden muss (nach OP oder erst, wenn der Tumor wieder wächst). Diese Frage muss individuell entschieden werden.

Seltene Tumore

Bei vielen seltenen Tumorentitäten wie Ependymomen, anaplastischen Meningeomen, multipel rezidivierten Chordomen etc. gibt es keine etablierten medikamentösen Standardtherapien. Im Schwerpunkt Klinische Neuroonkologie wird versucht, für diese Patienten eine individualisierte, auf pathophysiologischen Überlegungen und kleinen Fallserien basierende Therapie zu finden.

Patienten mit Medulloblastomen werden auch nach Rekrutierungsende der NOA-07-Studie mit einer kombinierten Radiochemotherapie behandelt. Bei den seltenen Patienten mit Medulloblastom-Rezidiv werden experimentelle Ansätze eingesetzt. Gerade bei Medulloblastomen und anderen seltenen Tumoren spielt auch die Identifikation von genetischen Veränderungen, die den Einsatz spezieller Medikamente möglich macht, eine immer größere Rolle.

Für Patienten mit nicht mehr lokal mit Operation oder Radiotherapie behandelbaren Meningeomen gibt es die Möglichkeit einer Teilnahme an der EORTC-Trabectedin-Studie. Das bei Sarkomen wirksame Trabectedin hat ein Profil, das möglicherweise auch eine Wirkung bei fortgeschrittenen Meningeomen erlaubt, und wir deshalb in einer Studie getestet.

Primäre ZNS-Lymphome

Der Schwerpunkt Klinische Neuroonkologie hat eine langjährige besondere Expertise in der Behandlung von Patienten mit Primären ZNS-Lymphomen. Eines der auch weiterhin wirksamsten Protokolle für die Behandlung von ZNS-Lymphomen wurde hier entwickelt („Bonner Protokoll für ZNS-Lymphome“). Das besondere Kennzeichen des Bonner Protokolls ist es, daß es auf die konsolidierende Radiotherapie verzichtet und damit ein Langzeitüberleben ohne Strahlentherapie-bedingte kognitive Einschränkungen ermöglicht. Die Behandlung von Patienten mit Primärem ZNS-Lymphom wird auch weiterhin wissenschaftlich begleitet.

Metastasen und Meningeosis neoplastica

Jenseits von OP und Strahlentherapie gibt es keine Standards zur Chemotherapie von Patienten mit Hirnmetastasen. Die Auswahl der Chemotherapie orientiert sich an den Substanzen, deren Wirksamkeit beim Primärtumor gezeigt ist. Im Schwerpunkt Klinische Neuroonkologie gibt es besondere Erfahrung in der Diagnostik und Behandlung von Patienten mit Meningeosis neoplastica. Bei der Behandlung von Patienten mit Hirnmetastasen und Menigneosis neoplastica arbeiten wir sehr eng mit den Kollegen anderer onkologischer Fachrichtungen am UKB (z.B. Dermatoonkologie und Gynäkoonkologie) und niedergelassenen Onkologen zusammen um hier zu einem optimalen interdisziplinären Behandlungskonzept zu kommen.

Für eine ambulante Beratung oder Behandlung kann kurzfristig ein Termin unter 0228-287-19887 (Hirntumorambulanz, Frau Landwehr und Frau Scholl) oder 0228-287-15736 (Mo-Do 7:30-16:00 Uhr, Fr. 7:30-14:00 Uhr, Sekretariat Prof. Herrlinger) vereinbart werden. Die stationäre Behandlung erfolgt auf Station 2 (Terminvereinbarung unter 0228-287-19887).

Sollten Sie Fragen zur Hirntumortherapie haben, können Sie sich gerne an uns wenden.